Substitution

Die medikamentös unterstützte Suchttherapie hat sich in den letzten Jahren bei der Behandlung opioidabhängiger Patienten etabliert. Lesen Sie hier über die aktuellen Entwicklungen.

Substitutionstherapie

Die Substitution mit einem Opioid-Agonisten stellt für opioidabhängige Patienten die Behandlung der ersten Wahl dar. Im Vergleich zu einer Entzugsbehandlung lassen sich mit der Substitutionstherapie, auch Opioid-Agonisten-Therapie (OAT) genannt, weitaus bessere Ergebnisse erzielen: Die Betroffenen bleiben länger am Leben, konsumieren eher kein Heroin mehr und bleiben zudem stärker mit dem Behandlungssystem in Kontakt.1 Die WHO empfiehlt die Substitutionsbehandlung mit einem Opioid-Agonisten kombiniert mit psychosozialer Unterstützung als wirksamste Behandlungsoption bei Opioidabhängigkeit.2 Darüberhinaus existiert seit 2017 ein europäischer Expertenkonsens mit Empfehlungen zur Substitution.3

Seit den ersten Jahren der Meldepflicht ist die Anzahl der gemeldeten Substitutionspatienten kontinuierlich gestiegen: von 46.000 Personen in 2002 auf 77.400 Personen in 2010.4 Seit 2011 ist die Patientenzahl weitgehend gleichbleibend und lag am 1. Juli 2017 bei 78.800 substituierten Patienten.

Diagramm zur Anzahl für die Substitutionsbehandlung gemeldeter Patienten

Abbildung 1: Anzahl gemeldeter Substitutionspatienten in Deutschland (jeweils Stichtag 1. Juli).⁴

Substitutionstherapie befindet sich im Wandel

Suchtmediziner sehen sich einem sich schnell wandelnden Umfeld gegenüber: das Auftreten vieler neuer Substanzen, Missbrauch der Opioid-Agonisten-Therapie (OAT) und anderer Medikamente sowie der Wechsel zu synthetischen Cannabinoiden, sind aktuelle Herausforderungen und machen es Behandlern schwer einzuschätzen, was ihre Patienten jeweils konsumieren.

Der Drogentod ist vermeidbar und deshalb dürfen wir ihn nicht einfach hinnehmen.

Suchtexperte Stephan Walcher, CONCEPT Schwerpunktpraxis Sucht, München

Tatsache ist, dass Opioide immer noch die Hauptursache für Drogentodesfälle (84 %) sind.1 Doch auch Substitutionsmittel sind mit verantwortlich, gefolgt von synthetischen Opioiden. Nicht-Substitution oder auch Abbruch der Behandlung beeinflussen das Mortalitätsrisiko maßgeblich. So steigt die Sterblichkeit um das 55-Fache bei Abhängigen, die ein Substitutionsprogramm aufgrund einer Regelverletzung verlassen mussten.5 Daher herrscht unter Suchtmedizinern der klare Konsens, deutlich mehr Opioidabhängige adäquat zu substituieren.

Psychosoziale Unterstützung erweist sich für die Behandlung der häufig zusätzlich auftretenden psychischen Störungen als essentiell. Zudem ist die Pharmakotherapie wichtiger Bestandteil des integrativen Behandlungsplans Opioidabhängiger. Dabei sind bei der Entscheidung für den einen oder anderen Wirkstoff die jeweiligen Bedürfnisse der Betroffenen unbedingt zu berücksichtigen. Auch sollten sich Patienten und Ärzte einig werden, welche Ziele mit dem empfohlenen Behandlungsprogramm erreicht werden sollen und wie diese im Verlauf weiterzuentwickeln sind. Das übergeordnete Ziel der OAT ist dabei stets die Verbesserung der körperlichen Gesundheit und des Wohlbefindens zur Begrenzung sozialer und wirtschaftlicher Schäden für Individuum und die Gesellschaft.

Ziele einer Substitutionsbehandlung nach den Richtlinien der BÄK:⁶

  1. Sicherstellung des Überlebens

  2. Stabilisierung und Besserung des Gesundheitszustandes

  3. Unterstützung der Behandlung somatischer und psychischer Begleiterkrankungen

  4. Reduktion riskanter Applikationsformen von Opioiden

  5. Reduktion des Konsums unerlaubt erworbener oder erlangter Opioide

  6. Reduktion des Gebrauchs weiterer Suchtmittel

  7. Abstinenz von unerlaubt erworbenen oder erlangten Opioiden

  8. Verringerung der durch die Opioidabhängigkeit bedingten Risiken während einer Schwangerschaft sowie während und nach der Geburt

  9. Verbesserung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität

  10. Reduktion der Straffälligkeit

  11. Teilhabe am Leben in der Gesellschaft und am Arbeitsleben

Patientenbindung von größter Bedeutung

Substitution in Suchtmedizin – Ärztin unterhält sich mit Patienten

Der Abbruch der Substitution sollte, wegen der erhöhten Gefahr für das Leben und die Gesundheit des Patienten, vermieden werden. Zuerst sollten Alternativen wie z.B. Dosisreduktion, Fortsetzung der Therapie in einer anderen Einrichtung oder andere Behandlungsformen in Betracht gezogen werden. Daher ist es für den substituierenden Arzt wichtig Zusammenhänge zu erkennen, Interaktionsmuster zu beachten und daraus die entsprechenden Konsequenzen für die Therapie zu ziehen. Im Fokus steht besonders die harm reduction als essentieller Bestandteil jeder Therapie. Dabei bilden die enge und vertrauensvolle Bindung zum Patienten, die umfassende Aufklärung sowie die Vermeidung von Risikosubstanzen die Basis für eine zielgerichtete Behandlung. 

Für den behandelnden Arzt kann die SUPRAT-Behandlungsmatrix7 hilfreich sein, die den Umgang mit NPS-gebrauchenden Patienten aufzeigt. Auch die Liverpool Database und die FDA Database liefern entscheidende Informationen zu den meisten Substanzen sowie deren Interaktionspotenzial mit gängigen Substitutionsmitteln.
„Es ist auch stets unsere Aufgabe Patienten darüber aufzuklären, wie gefährlich ihr NPS-Konsum ist“, unterstreicht der Suchtmediziner Stephan Walcher.

Einheitliche Leitlinien für die substitutionsgestützte Behandlung

Die wachsende Zahl substitutionsbedürftiger Patienten sowie die steigende Zahl der vermeidbaren Drogentoten in Europa ließ den Ruf nach konsolidierten Leitlinien laut werden. Seit 2017 gibt es hierzu nun einen europäischen Expertenkonsens hinsichtlich der Empfehlungen zur OAT. Hierzu wurden die gängigsten Leitlinien der jüngeren Geschichte systematisch analysiert und die wichtigsten Themen definiert. Neben dezidierten Therapieempfehlungen und Entscheidungshilfen für die Wahl einer Therapie wurden auch besondere Patientengruppen berücksichtigt: Menschen mit psychiatrischen Komorbiditäten, Schmerzen, Mischgebrauch, schwangere Suchtpatientinnen, ältere Betroffene und Gefängnisinsassen.3

Bitte melden Sie sich für den Fachkreisebereich mithilfe Ihres DocCheck-Passworts an und lesen Sie den Bericht zum Interdisziplinären Kongress für Suchtmedizin 2018. Der Bericht bietet eine Zusammenfassung zu aktuellen Diskussionen in der Suchtmedizin und Neuigkeiten aus Diagnostik und Therapie.

Weiter geht's nach Ihrer Anmeldung

DocCheck
Differen Input Types

Diese Vorteile warten auf Sie

  • Exklusive Inhalte

    Mit dem kostenlosen DocCheck-Passwort erhalten Sie Zugang zu Inhalten, die sich ausschließlich an medizinische Fachkreise richten, darunter auch zu ausführlichen Fachinformationen aus dem „Antwortgeber“ oder Detailinformationen zu Produkten von Hexal.

  • Große Community

    Werden Sie eines von mehr als 1.200.000 registrierten DocCheck-Mitgliedern und somit Teil der größten Community für medizinische Fachberufe in Europa. Nutzen Sie das Netzwerk, um sich fortzubilden, auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen.

  • Breites Angebot

    Profitieren Sie von den vielfältigen Informationen und Services rund um medizinische Themen. Ob Journal, eLearning-Kurse oder Apps – der eStore ermöglicht das schnelle und bequeme Herunterladen von aktuellem Medizinwissen. Unter DocCheck Jobs finden Sie ein großes Angebot an freien Stellen. Und bei Interesse an Umfragen mit Ärzten und Patienten, stehen die Experten DocCheck Research bereit.

Quellen

  1. Europäischer Drogenbericht, Trends und Entwicklungen, 2018; ISSN 2314-9051. http://www.emcdda.europa.eu/publications/edr/trends-developments/2018, letzter Zugriff in 09/2018.
  2. WHO. Guidelines for the Psychosocially Assisted Pharmacological Treatment of Opioid Dependence. 2009.
  3. Dematteis M et al., Expert Opin Pharmacother 2017; 18 (18): 1987-1999
  4. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Substitutionsregister. https://www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/Bundesopiumstelle/SubstitRe..., letzter Zugriff in 09/2018.
  5. Gröhnbladh et al., Acta Psychiatr Scand. 1990 Sep;82(3):223– 7.
  6. Bundesärztekammer, Richtlinie der Bundesärztekammer zur Durchführung der substitutionsgestützten Behandlung Opioidabhängiger, Bundesanzeiger 2. Oktober 2017.
  7. Das Matrixmodell – Ambulante Intensivbehandlung bei Störungen durch Stimulazienkonsum, Therapiemanual, 2016.