Menschen

100 Jahre alt – Na und?

Die Altersgruppe der 100-Jährigen wächst überproportional. Wie ist ihr Gesundheitszustand? Welche medizinische Versorgung benötigt sie? Welche Herausforderungen stellen sich uns schon heute? Damit beschäftigen sich die aktuellen Hundertjährigen-Studien der Berliner Charité. Wir stellen sie vor.

Wie möchten Sie Ihren 100. Geburtstag feiern? Vielleicht mit einem rauschenden Fest bei Tanz und Musik und vielen Gästen wie Karl Drechsler aus Bad Sassendorf? – Gerne erinnert er sich an diesen Tag. Und wer sich sein Geburtstagsvideo anschaut, weiß auch, warum. Strahlend wiegt sich der 100-Jährige zur Musik des „Gute-Laune-Duos“ über die Tanzfläche, bis am Filmende 100 bunte Luftballons mit den besten Wünschen für die Zukunft in den Himmel steigen. In der Tat: Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie das 100. Lebensjahr erreichen, ist in den letzten Jahrzehnten rasant gestiegen. 2014 lebten 16.860 über 100-Jährige in Deutschland. Hochrechnungen zufolge hat inzwischen jedes zweite Kind, das nach 2000 geboren wurde, gute Chancen, 100 Jahre alt zu werden.1

Erforschung des Alters

Höchste Zeit, die gesundheitliche Situation und das Ausmaß der Pflegebedürftigkeit der Generation 100plus genauer unter die Lupe zu nehmen, so die Altersforscher der Berliner Charité. Für die international beachtete Kohortenstudie2 verwendeten die Gerontologen Routinedaten von 398 Versicherten einer Krankenversicherung, die im Alter von über 100 Jahren verstarben. Diese Daten verglichen die Berliner Altersforscher mit Daten von Menschen, die älter als 80 oder 90 Jahre wurden. Betrachtet wurden retrospektiv die letzten sechs Jahre vor dem Tod hinsichtlich Diagnosen und Therapien. Insgesamt 1.400 Datensätze hatte die Krankenversicherung anonymisiert zur Verfügung gestellt.

„1.000 Jahr, weißes Haar …“

Stolze 969 Jahre soll Methusalem gelebt haben, so steht es im ersten Buch Mose. Ein solches Alter sprengt jegliche Vorstellungskraft. Doch glaubt man den Visionen des Biogerontologen Aubrey de Grey, könnte das bald Realität sein: Der erste Mensch, der 1.000 Jahre alt wird, sei bereits auf der Welt, so der Pionier der Langlebigkeitsforschung und Stiftungsgründer in einem Interview.3 Man könne den Verfallsprozess des Menschen aufhalten, indem man beispielsweise Organe austausche, bevor sie erkrankten. An der SENS Research Foundation in Mountain View, Kalifornien, ist man sich sicher: Die Medizin und digitale Technologien ermöglichen es, die körpereigenen Abwehr- und Reparaturkräfte leistungsfähiger zu machen und das Leben zu verlängern. Doch noch fehlt der Beweis dafür, dass der Alterungsprozess ein lösbares Problem ist. Seitdem Jeanne Calment 1997 im Alter von 122 Jahren verstarb, ist niemand älter geworden als die Französin. Auch hiesige Altersforscher, die mit Hochdruck daran arbeiten, die gesunde Lebensspanne zu verlängern, sind mit ihrer Prognose viel moderater. „Wir werden immer näher an die maximale Lebenserwartung heranrücken, aber diese nicht überschreiten“, so Prof. Andreas Simm, Direktor des Interdisziplinären Zentrums für Altern an der Universität Halle. Mit einem Lebensalter von 120 Jahren sei eine kritische Grenze erreicht.

Länger leben – gesünder bleiben

Doch nicht nur die Aussicht auf ein sehr langes Leben steigt, sondern auch die Zahl der guten Jahre. „Die gute Nachricht ist“, so Dr. Dagmar Dräger, Leiterin des Bereichs „Alter(n)sforschung“ des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft an der Berliner Charité, „dass die gesundheitliche Situation der über 100-Jährigen in den letzten sechs Jahren vor ihrem Tod im Schnitt besser war als die der 80- und 90-Jährigen.“ Sie haben eine geringere Zahl an Erkrankungen – weniger Krebs, weniger Herzerkrankungen – und verfügen über eine relativ stabile Gesundheit. Vor allem ist aber auch die Zahl der Komorbiditäten im Vergleich zu jüngeren Studienteilnehmern geringer. Die Gesamtverfassung verschlechtert sich erst ganz am Ende des Lebens.

„Von zwei Problemen sind Menschen, die über 100 Jahre alt werden, in ihren letzten Jahren allerdings stärker betroffen als jüngere“, erklärt der Projektverantwortliche für die „quantitative Hundertjährigen-Forschung“ Dr. Paul Gellert. „Das sind Demenzerkrankungen und Herzinsuffizienz.“ Viele der 100-Jährigen seien zudem pflegebedürftig. Das liege aber nicht ausschließlich an der gesundheitlichen Situation, so Dr. Gellert. Es fehle eher an der Unterstützung im Alltag. Wer mehr als 100 Jahre alt wird, dessen Kinder sind meist selbst Senioren. Zudem sind Ehepartner, Geschwister und Freunde oft schon verstorben.

Wertschätzung des Lebens

„Die meisten 100-Jährigen sind zufrieden. Sie schauen mit Gelassenheit auf ein langes Leben zurück“, fasst Dr. Dagmar Dräger die Ergebnisse von 19 qualitativen Interviews4 zusammen. „100-Jährige empfinden durchaus die relative Nähe zum Tod, welche jedoch nicht unbedingt mit einem Sterbewunsch gekoppelt ist. Sie haben noch Pläne und setzen sich Ziele in einem überschaubaren Zeitrahmen.“ Was Höchstbetagten fehle, sei der Kontakt zu Gleichaltrigen und Freunden, jemand, zu dem man sagen kann „Weißt du noch...“. Die letzten Lebensjahre sind häufiger durch Autonomieverlust und Pflegebedürftigkeit gekennzeichnet. In diesem Zusammenhang wird zum Teil das Fehlen eines respektvollen, würdevollen Umgangs beklagt, berichtet die Gerontologin.

Medikation: oft Fehl- und Unterversorgung

Doch wie ist die Versorgungssituation der über 100-Jährigen bei häufig auftretenden Indikationen wie Herzinsuffizienz oder Vorhofflimmern? Dies untersuchten die Wissenschaftler der Charité in weiteren Studien.5,6 Die Zahlen belegen: Polypharmazie ist im Alter weit verbreitet. Dabei nehmen 80-Jährige mit durchschnittlich sieben Wirkstoffen die meisten Medikamente ein. Mit steigendem Alter nimmt die Anzahl der Medikamente dann wieder ab. 100-Jährige bekommen in den letzten Wochen vor ihrem Tod durchschnittlich vier Präparate verabreicht.7

Wirkstoffe je Versicherten in den letzten sechs Lebensjahren

Auch bei Herzinsuffizienz oder Vorhofflimmern nehmen 100-Jährige weniger Wirkstoffe ein. „Obwohl Herzinsuffizienz bei 100-Jährigen häufiger auftritt als bei 80- oder 90-Jährigen, ist ihre Verschreibungsrate an ACE-Hemmern, Diuretika oder Betablockern geringer als in der Vergleichsgruppe“, so Prof. Dr. Reinhold Kreutz, Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie und Toxikologie an der Charité. Auf eine ähnliche Situation treffen die Berliner Forscher beim Vorhofflimmern. Auch hier sind 80- und 90-Jährige mit 31,8 % und 30,6 % medikamentös besser versorgt als 100-Jährige (22,4 %).

„Insgesamt bedarf es weiterer Studien, um die Qualität der medizinischen Versorgung von Höchstbetagten differenziert beurteilen zu können“, so Professor Kreutz. Außerdem empfehlen die Forscher, Behandlungsleitlinien speziell für sehr alte Menschen zu entwickeln.

Das haben wir gelernt

Aus den Hundertjährigen-Studien der Charité lassen sich erste Implikationen und mögliche Handlungsfelder ableiten. Dazu zählen u. a. die adäquate Versorgung von Demenzerkrankten sowie die Planung einer zukunftsfähigen Langzeitpflege. Zudem müsse der Hausarzt als wichtige Anlauf- und Schnittstelle gestärkt werden. Auch hinsichtlich der Polypharmazie sehen die Forscher Handlungsbedarf. Ist die Medikation noch sinnvoll oder besteht Anpassungsbedarf? „Doch um die Versorgungssituation der Generation 100plus nachhaltig zu sichern und zu verbessern, brauchen wir Folgestudien“, erklärt Dr. Stefan Hörter, Leiter des Instituts für Versorgungsforschung Knappschaft. Das sehen die Altersforscher an der Charité genauso: Wir stehen erst am Anfang.

 

Weiterführende Informationen

Wie lebt es sich mit 100 Jahren und älter?
Zu Besuch bei Herta Bornmann (105) und Karl Drechsler (100)

  1. Christensen, K. et al.: Ageing populations: The challenges ahead. Lancet 2009; 374: 1196–1208.
  2. Gellert, P. et al.: Centenarians differ in their comorbidity trends during the six years before death compared to individuals who died in their 80s or 90s. J Gerontol A Biol Sci Med Sci 2018; 73(10): 1357–1362.
  3. Piepgras, I.: Der Mann, der ewig leben will. Zeit-Magazin 2018; 6: 58.
  4. Eggert, S. et al.: Hundertjährige in Vorbereitung auf das Lebensende? Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 2018; 4: 418–424.
  5. Kreutz, R. et al.: Atrial fibrillation and medication treatment among centenarians: Are all very old patients treated the same? Geriatr. Gerontol. Int. 2018; 1–7.
  6. Schmidt, I. M. et al.: Lower Prescription Rates in Centenarians with Heart Failure and Heart Failure and Kidney Disease Combined: Findings from a Longitudinal Cohort Study of Very Old Patients. Drugs & Aging 2018; 35: 907–916.
  7. Knappschaft: Report zur Hundertjährigen-Studie der Knappschaft. Vortrag, Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2017, 21.06.2017.