Innovation

Die Macht der Gedanken: Placebo-Forschung

In klinischen Studien gelten sie als Störgrößen: der Placebo-Effekt und sein Zwilling, der Nocebo-Effekt. Prof. Dr. Manfred Schedlowski erforscht sie seit drei Jahrzehnten. Er konnte nachweisen, dass Erwartungen im Körper messbare biochemische Reaktionen auslösen.

Alles nur Einbildung?

Wenn man Manfred Schedlowski fragt, wie er seine bisherige Forscherlaufbahn zusammenfassen würde, dann zitiert er augenzwinkernd Schopenhauer: „Alle Wahrheit durchläuft drei Stufen. Zuerst wird sie lächerlich gemacht oder verzerrt. Dann wird sie bekämpft. Und schließlich wird sie als selbstverständlich angenommen.“ Denn auch Schedlowskis Erkenntnis, dass eine pharmakologisch unwirksame Substanz messbare biochemische Reaktionen hervorrufen kann, wurde zunächst belächelt. „Als ich vor 30 Jahren begann, die Neurobiologie des Placebo-Effekts zu erforschen, befand sich die Lehrmeinung auf Stufe eins des Schopenhauer-Zyklus, heute ist sie auf Stufe drei angelangt“, erzählt der Wissenschaftler. Schon als Student bewegte er sich gerne abseits der ausgetretenen Pfade. „Die medizinische Psychologie, die mich besonders interessierte, galt als Laberfach, das angehende Ärzte zur Entspannung zwischen Anatomie und Physiologie belegten“, erinnert er sich zurück. So kam es beispielsweise dazu, dass er als Postdoktorand Kooperationspartner für ein Forschungsvorhaben suchte und unter anderem einen bekannten Endokrinologen ansprach. Der hörte ein paar Minuten zu und meinte dann lakonisch: „Wenn Sie so etwas machen wollen, dann müssen Sie Künstler werden. Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun!“ Doch Schedlowski ließ sich nicht entmutigen – und seine Ausdauer sollte belohnt werden.

Eingefärbte Milch

Bekannt geworden ist Schedlowskis Arbeit durch den Versuch, das Immunsystem von Allergikern mithilfe eines exotisch eingefärbten Milchgetränks auszutricksen.

Weit mehr als Einbildung: die Macht der Gedanken

Grundlage für Schedlowskis Forschungsarbeit ist die Annahme, dass sich die Wirkung jeder medizinischen Intervention aus zwei Komponenten zusammensetzt: einem behandlungsspezifischen und einem behandlungsunspezifischen Effekt. Der zweite ist der Fachwelt seit Längerem vor allem unter den Begriffen Placebo und Nocebo bekannt, die Namen sprechen dabei für sich selbst: „Ich werde gefallen“ bzw. „Ich werde schaden“. Dennoch hat man sich in der Forschung, in der Ausbildung von medizinischen Fachkräften und in der Praxis die längste Zeit fast ausschließlich mit den behandlungsspezifischen Effekten beschäftigt. Berichte über Patienten, denen Präparate ohne jeden Wirkstoff geholfen hatten, waren kuriose Anekdoten aus der Rubrik „Sachen gibt’s!“. „In der Immunologie war zu meiner Studienzeit die herrschende Lehre, dass nur eindringende Pathogene auf das Immunsystem einwirken können“, erzählt Professor Schedlowski. „Dass eine Immunantwort vom Nervensystem mit beeinflusst wird, lag außerhalb des Vorstellbaren.“ In der Placeboforschung geht es aber nicht um leichtgläubige Patienten, die sich eine Besserung oder Verschlechterung ihrer Beschwerden „einbilden“. Vielmehr wollen Forscher nachweisen, dass die subjektiv empfundenen Zustandsänderungen auf realen und messbaren organischen Vorgängen beruhen – folglich alles andere sind als Einbildung. Das ändert alles. Denn wenn dieser Nachweis gelingt, dann können Placebos künftig zur Behandlung von Erkrankungen eingesetzt werden, nicht bloß zur Beruhigung von besorgten Gesunden. „Unsere Forschung kann dazu beitragen, die Dosis notwendiger Medikamente zu reduzieren“, berichtet Schedlowski.

Placebo und Nocebo: Das passiert im Gehirn

Bekannt geworden ist Schedlowskis Arbeit durch den Versuch, das Immunsystem von Allergikern mithilfe eines exotisch eingefärbten Milchgetränks mit Erdbeer-Lavendel-Geschmack auszutricksen. Der Ablauf: Die unter Allergien leidenden Teilnehmer erhielten ein Antihistaminikum zusammen mit dem Getränk, das keinen Wirkstoff enthielt. „Wichtig war, dass die eingefärbte Milch eine grelle Farbe und einen neuartigen Geschmack hatte, um Lernprozesse im Gehirn auszulösen“, erklärt Versuchsleiter Schedlowski. Denn die Versuchspersonen sollten eine klassische Konditionierung durchlaufen, sodass Stimuli und Verhalten bzw. Körperreaktionen auf eine bestimmte Art im Gehirn gezielt miteinander verknüpft werden. Um diese Verknüpfung zu erzeugen, erhielten zunächst alle Teilnehmer über einen bestimmten Zeitraum das Medikament zusammen mit der farbigen Milch. Anschließend wurden sie in drei Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe bekam weiterhin das Präparat, allerdings zusammen mit Wasser. In der zweiten wurde das Medikament durch ein Placebo ersetzt und mit der farbigen Milch verabreicht. Die dritte Gruppe bekam ebenfalls ein Placebo – ohne Milchgetränk, nur mit Wasser. Die Sensation: Blutproben zeigten, dass sowohl in Gruppe eins als auch in Gruppe zwei die Zahl der Immunzellen im Blut – als Anzeichen einer allergischen Reaktion – signifikant gesunken waren. Doch nur in einer dieser Gruppen war auch eine pharmakologisch wirksame Substanz eingenommen worden. In Verbindung mit dem Schlüsselreiz Milchgetränk erwies sich das Placebo also als hochwirksam. Bei der dritten Gruppe, die mit einem Scheinmedikament ohne einen Stimulus vorliebnehmen musste, ergaben die Laborproben dagegen keine Herabsetzung der Immunreaktion.

Placebo-Forschung – Versuchsaufbau

„Grundsätzlich zeigen uns solche Experimente, dass das Gehirn und das Immunsystem Signale austauschen und miteinander kommunizieren, sich sozusagen unterhalten“, fasst Schedlowski die Erkenntnisse zusammen. Ergänzende Tierexperimente haben gezeigt, dass speziell der Inselkortex ein relevantes Areal für assoziative Lernprozesse ist.

Deutschland Spitzenreiter in der Placeboforschung

Obwohl der Placebo-Effekt schon in den 1950er- Jahren in der Literatur beschrieben wurde, ließ eine ernst zu nehmende Forschung lange auf sich warten. In Deutschland hat Professor Schedlowski mit dazu beigetragen, das zu ändern. Heute nimmt die hiesige Forschung international eine Spitzenposition auf diesem Gebiet ein. „Neben einer Gruppe an der Harvard Medical School in Boston forscht in Deutschland die größte Wissenschaftlergruppe“, erzählt er. Das liegt insbesondere an einer großzügigen Finanzierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die seit 2011 eine Forschergruppe unterstützt, aus der auch zahlreiche Publikationen hervorgegangen sind. Das gemeinsame Ziel: „Wir wollen vor allem herausfinden, wie der Placeboeffekt funktioniert und wie sich die von uns beschriebenen Effekte klinisch nutzen lassen.“ Denn was sich in der Scientific Community durchsetzt, ist noch lange nicht in der Praxis angekommen. „Das ist immer ein langer Weg“, weiß der Pionier Schedlowski zu berichten. „Zuerst müssen Mittel für Forschungsvorhaben gefunden werden, aus denen dann wissenschaftliche Publikationen hervorgehen, die mit weiterer Verzögerung in die Lehrbücher gelangen und ganz zum Schluss auch in die Kliniken und Arztpraxen.“ Doch Schedlowski ist optimistisch, dass sich in den kommenden zehn bis 15 Jahren einiges ändern wird. Der Trend jedenfalls zeichnet sich deutlich ab. So ist derzeit eine neue Approbationsordnung für das Fach Humanmedizin in Arbeit, die 2020 in Kraft treten soll. In ihr finden sich auch die behandlungsunspezifischen Aspekte „Droge Arzt“ bzw. „sprechende Medizin“ wieder. Dass die Kommunikation den Behandlungsverlauf wesentlich mitbestimmt, spielt dabei eine große Rolle. Im Entwurf des Bundesbildungsministeriums heißt es: „Unser besonderes Augenmerk gilt der Arzt-Patienten-Kommunikation, die maßgeblich die Arzt-Patienten-Beziehung, den Behandlungserfolg und das Wohlbefinden der Patientinnen und Patienten beeinflusst.“ In die neuen Richtlinien ist viel Psychologie eingeflossen, von der nonverbalen Kommunikation bis hin zu Spezialthemen wie dem „Überbringen schlechter Nachrichten“.

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar hat es einmal so formuliert: „In einer Kultur vertrauen Patienten auf Federschmuck und rituelle Gesänge, in der anderen auf weiße Kittel und Stethoskope.“ Wie man das Vertrauen der Patienten nutzen kann, um medizinische Behandlungen nachweislich zu verbessern, hat Manfred Schedlowski in drei Jahrzehnten Forschung gezeigt.

 

Prof. Dr. rer. biol. hum. Manfred Schedlowski leitet seit 1997 das Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie am Universitätsklinikum Essen. Nach dem Psychologiestudium in Bielefeld und Braunschweig promovierte er an der Medizinischen Hochschule Hannover. Diverse Forschungsaufenthalte führten ihn an die University of Newcastle, die La Trobe University in Melbourne, Australien, und an die Eidgenössiche Technische Hochschule (ETH) Zürich. Anschließend war er in den Abteilungen für Klinische Immunologie und Klinische Psychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover wissenschaftlich tätig, wo er sich 1993 habilitierte. Der Schwerpunkt seiner Forschung liegt auf der Analyse der funktionellen Verbindungen zwischen dem Nervensystem, dem Hormonsystem und dem Immunsystem. Mit seiner Arbeitsgruppe untersucht er das Phänomen der klassischen Konditionierung von Immunfunktionen und analysiert die neurobiologischen und biochemischen Mechanismen sowie die klinische Bedeutung der Placebo- und Noceboantwort.

Mr. Placebo

Prof. Dr. Manfred Schedlowski, Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie am Universitätsklinikum Essen
  1. Goebel M. U., Meykadeh N., Kou W. et al. Behavioral conditioning of antihistamine effects in patients with allergic rhinitis. Psychother Psychosom. 2008;77(4):227–34. Vgl. auch aktuelle Studie: Kirchhof J., Petrakova L., Brinkhoff A. et al. Learned immunosuppressive placebo responses in renal transplant patients. Proc Natl Acad Sci U S A. 2018 Apr 17;115(16):4223–4227.